Wie lernt mein Kind Respekt?

Oft erlebe ich es, dass Eltern von ihrem Kind nicht ernst genommen werden. Das Kind soll nach mehrfacher Aufforderung die Süßigkeit wieder zurück ins Regal des Supermarkts legen? – weit gefehlt. Das Kind soll Ihnen helfen, den Tisch zu decken? – nö, wozu?

Diese Situationen kennt vermutlich jede Familie. Es gehört zur normalen Entwicklung dazu, dass Kinder Regeln testen und versuchen, Grenzen auszuweiten. Doch in diesem Beitrag soll es darum gehen, was die Gründe dafür sein könnten, wenn Kinder grundsätzlich nicht oder kaum auf ihre Eltern hören.

Wenn Kinder scheinbar keinen Respekt gegenüber ihren Eltern zeigen, steckt meist mehr dahinter, als ein bloßes Sich-Auflehnen-Wollen.

Respekt hat zu tun mit Akzeptanz, Wertschätzung, Achtung, Liebe und Vertrauen. Schlichtweg geht es hier um Beziehung. Die Beziehung zwischen Kind und Eltern, zwischen Elternteil und Elternteil und die Beziehung mit sich selbst. Wenn ein Kind permanent ein respektloses Verhalten gegenüber den Eltern zeigt, dann sollte man diese verschiedenen Beziehungsebenen genauer betrachten.

Schauen wir zuerst auf die Beziehung zwischen den Eltern und dem Kind.

Ein ganz wichtiger Aspekt ist hier, ob es überhaupt Regeln und Konsequenzen gibt. Entgegen mancher Meinungen sind angemessene (!) Regeln für Kinder keine Bestrafung und Einschränkung, sondern Regeln geben Kindern einen sicheren Rahmen und Verlässlichkeit. Sie helfen ihnen dabei sich zu orientieren und einzuschätzen, was ok ist und was nicht. Oft prüfen Kinder durch herausforderndes Verhalten, ob eine bestimmte Regel noch aktuell ist oder nicht. Sie wollen die Eltern damit nicht ärgern, sondern lediglich Gewissheit erlangen (auch wenn es sich ganz anders anfühlt).

Wenn die Eltern diese Regeln mit Konsequenz durchsetzen, ermöglichen sie dem Kind damit, zu erkennen, dass sein Verhalten vorhersehbare Folgen hat (z.B. wenn ich angekündigt habe, dass das Spielzeug weg ist, wenn mein Kind mich damit haut, muss ich es auch wegnehmen, wenn es noch mal vorkommt). Dadurch kann sich das Kind an seinen Eltern orientieren, sie sich zum Vorbild nehmen. Es fühlt sich dadurch geborgen und sicher, weil es weiß, dass es seinen Eltern vertrauen kann, ihr Verhalten ist planbar. Es kann zu ihnen aufschauen, denn sie kümmern sich.

Dieses Aufschauen hat auch viel mit Verantwortung tragen zu tun. Die Eltern sorgen verlässlich für ihr Kind, indem sie ihm z.B. verbieten, den ganzen Tag Schokolade zu essen (obwohl das Kind das natürlich wunderbar fände). Manchmal bedeutet Liebe und Fürsorge auch, gegen den Wunsch des Kindes zu entscheiden (in diesem Fall, weil die Eltern wissen, dass das ungesund wäre). Wichtig ist dabei, mit dem Kind zu sprechen und zu erklären, warum man sich so entschieden hat. Auf diese Weise wird es lernen, dass es manche Dinge gibt, die die Eltern aus guten Gründen entscheiden und damit für das Kind gut sorgen.

Respekt gegenüber den Eltern und ihren Entscheidungen zu haben, fällt dem Kind viel leichter, wenn es selber auch von den Eltern respektiert wird. Achten Mama oder Papa auch die Bedürfnisse des Kindes? Fühlt es sich ernst genommen und verstanden? Oder gucken Mama und Papa beispielsweise immer nur auf ihr Handy statt zu sehen, was ihr Kind gerade Neues entdeckt oder gelernt hat? Hören sie vielleicht nur mit einem Ohr zu, weil sie gedanklich schon den Einkaufszettel schreiben?

Aus Erwachsenensicht mögen viele kindliche Bedürfnisse eher unwichtig erscheinen, z.B. wenn das Kind selbst die Zahnbürste halten möchte. Wozu soll das gut sein? Es kann ja eh noch nicht richtig sauber putzen… Für das Kind ist es jedoch ein Schritt in Richtung Selbstständigkeit. Es erfährt, dass es selber etwas bewirken und tun kann. Diese Erfahrung ist für die kindliche Psyche äußerst wichtig. Und nebenbei werden seine motorischen Fähigkeiten weiter verfeinert.

Eltern müssen also auch die Bedürfnisse der Kinder sehen und ernst nehmen. Sie sollten sich in ihr Kind einfühlen, um zu verstehen, warum etwas jetzt so dringend für es nötig ist und wie es ihrem Kind geht. Sonst könnte das Kind mit Ärger und Trotz reagieren. Fühlt es sich so wenig verstanden, wird es auf die Eltern kaum noch hören.

Insofern sind also sowohl die Bedürfnisse der Eltern in Form von Regeln wichtig, als auch die des Kindes, um eine respektvolle Beziehung miteinander führen zu können.

Nun betrachten wir kurz die Beziehungsebene zwischen den Eltern. Damit das Kind lernen kann, wie es die Eltern respektiert, ist es nötig, dass diese an einem Strang ziehen und gemeinsam erziehen. Was Papa sagt, darf nicht kurz darauf von Mama wieder aufgehoben werden und umgekehrt. Denn dies würde nur dazu führen, dass das Kind nicht mehr weiß, was jetzt eigentlich gilt und woran es sich halten soll (siehe dazu Abschnitt 1). Und es würde auch sehen, wie wenig Respekt sich Mama und Papa gegenseitig zeigen.

Schließlich gehen wir nun noch auf die Beziehung mit sich selbst ein.

Wie sehr respektieren sich die Eltern eigentlich selbst? Wissen Mama oder Papa, was ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche sind, und gehen sie darauf ein oder werden sie zum Wohle der Familie ständig hinten angestellt? Wie sehr achten die Eltern sich selbst?

Der eigene Selbstwert hat Auswirkung darauf, wie die Beziehung zum Kind ist und ob es einen achtet. Weiß ich, was ich will und brauche, und versuche ich dies auch zu verwirklichen, so schätze ich mich selbst, und das spürt auch das Kind. Wenn ich mich immer hinten anstelle, spürt das Kind meine eigene Geringschätzung und womöglich lernt es dadurch, Mama (oder Papa) ist nicht so bedeutend. Wenn ich dagegen weiß, was mir wichtig ist (nicht nur in der Erziehung), kann ich dies authentischer dem Kind gegenüber vertreten und durchsetzen. Ernst genommen werde ich also besser, wenn ich mich selbst ernst nehme.

Und: In der Familie ist jeder gleich wichtig mit seinen Wünschen und Bedürfnissen! Wenn Kinder erfahren, dass sie selbst immer im Mittelpunkt stehen, alles ihnen untergeordnet wird und sie immer an erster Stelle kommen, fällt es ihnen schwer, zu akzeptieren, wenn Papa oder Mama einmal für sich sorgen.

Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn man nicht ernst genommen wird? Wenn man etwas sagt, und es hört keiner zu? Wenn Regeln immer wieder gebrochen werden? Besprechen Sie das mit Ihrem Kind und Sie werden merken, dass es schnell spürt, wie doof sich Mama oder Papa fühlen müssen, wenn es sie nicht respektiert. Denn es möchte ja selbst auch „gehört“ werden.

Wenn das Kind beim Einkaufen bei Ihnen bleibt und auf Sie hört, spielen Sie nachher bestimmt gerne mit ihm sein Lieblingsspiel. Oder es braucht Ihre Hilfe beim Anziehen? Kein Problem, und nachher hilft es Ihnen, den Tisch zu decken. Erfüllst du mir meine Wünsche, so erfülle ich dir deine.

Eine Beziehung ist immer ein Miteinander, und unterliegt einem steten Wandel. Es geht darum, zusammen zu schauen, dass es allen Familienmitgliedern gut geht. In diesem Sinne, hören Sie gut einander und sich selbst zu, und Ihr Kind wird achtsamer und respektvoller auch Ihnen gegenüber werden.